Hundehilfe
Eifel
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Nichts wird im
Tierschutz so kontrovers diskutiert wie die Gründe, die zur Abgabe
eines Hundes führen…
Gründe, warum ein Hund wieder abgegeben wird, gibt so viele wie Sand
am Meer: er bleibt nicht alleine, er bellt zu viel, er mag die
Kinder nicht, hat sie sogar gebissen, er mag den Ehemann nicht oder
die Schwiegermutter, er will partout nicht Auto fahren, er ist
eifersüchtig auf den vorhandenen Rüden oder umgekehrt… alle Gründe
aufzuzählen, wäre unmöglich.
In fast jedem Fall ist der (Noch)-Halter der Meinung, er bzw. sie
habe alles richtig gemacht. Die Wiedergabe der Gründe bzw.
Rechtfertigungen folgt in der Regel immer einem vergleichbaren
Schema: zunächst wird ausführlich aufgezählt, was DER HUND (Fazit
1…) alles nicht kann bzw. falsch macht; gefolgt von der persönlichen
Feststellung, dass man selbst „alles richtig gemacht und alles
versucht“ hat (Fazit 2…), aber der Hund einfach nicht versteht,
deshalb muss er ausziehen und zwar so schnell wie möglich (Fazit
3…).
Erstaunlicherweise sind es aber gerade jene Menschen, die noch
wenige Wochen zuvor versicherten, dass sie über sehr viel
Hundeerfahrung verfügen, dass sie dem Hund selbstverständlich eine
individuelle Eingewöhnungsphase gewähren, dass sie ggf. unerwünschte
Verhaltensweisen ihres „2nd Hand“ Hundes mit Geduld, Konsequenz und
Durchhaltevermögen begegnen, um die zukünftige Erziehung in die
richtigen Bahnen zu lenken. Und JEDER Halter sagt den einen Satz,
der die (Wert)Stellung des Hundes auf den Punkt bringen soll:
„Er ist ein vollwertiges Familienmitglied – er gehört zu uns und wir
können uns nicht vorstellen, ihn jemals wieder herzugeben…“.
Das Familienmitglied – was genau ist damit gemeint? Nun, für mich
ganz persönlich würde es – unabhängig davon, ob es sich um Mensch
oder Tier handelt – bedeuten, dass diese Beziehung „unkündbar“ ist;
dass das sprichwörtliche „durch dick und dünn gehen“ GENAUSO zu
verstehen ist wie das Versprechen „in guten wie in schlechten Tagen“
zueinander zu stehen. Wenn man schon den Ausdruck „Familie“ bemüht,
dann sollte er schon einiges an Gewicht mitbringen, oder nicht?
Und „vergleichen“ wir doch einmal die Probleme unserer menschlichen
und hündischen Familienmitglieder! Sind sie wirklich so
unterschiedlich?
Pluto, ein 6 Monate alter Mischlingsrüde, soll nach nur wenigen
Wochen wieder ausziehen, Pluto mobbt Benny, den Cockerspaniel der
Familie, bei jeder Gelegenheit, schnappt nach den Hosenbeinen der
Kinder und knurrt laut und energisch, wenn man ihn korrigieren will.
Man hat nun Angst, dass Benny sich zurückgesetzt fühlt und die
Kinder schlechte anstatt gute Erfahrungen mit dem Hund machen.
Irgendwie hat man es sich doch ganz anders vorgestellt – man wollte
ganz bewusst einen 2. Hund, weil man Hunde liebt, viel Platz und
Zeit und auch Erfahrung hat.
Benny hat sich immer gut mit anderen Hunden auf den Spaziergängen
vertragen und auch in den ersten beiden Wochen schien alles so
harmonisch - und nun „so etwas“. Da Pluto nicht verstehen will
(Fazit 1), dass er sich „normal“ zu verhalten hat und man schon
wirklich alles versucht hat (Fazit 2), bleibt jetzt nur die
Einsicht, dass Pluto die falsche Wahl war und leider nicht bleiben
darf (Fazit 3). Auch die restliche Familie, Freunde wie auch
Nachbarn sehen das ganz genauso – niemand würde unter diesen
Umständen den Hund behalten. Sie fanden es bereits schon sehr
lobenswert, dass die Familie überhaupt einen Hund aus 2. Hand
übernommen und es versucht hat… aber was nicht geht, geht nicht –
sie hätten es auch ganz genauso gemacht.
Kommen wir wieder auf das „Familienmitglied“ zurück – ich frage mich
bei solchen Schilderungen immer wieder, wie die Familie die
Situation erlebt und gemeistert hätte, wenn das Familienmitglied nur
2 Beine gehabt hätte:
Kläuschen, das Kleinkind der Familie, ist ein Wunschkind – man
wollte schon immer eine große Familie haben und als sich Baby Nr. 3
ankündigte, war die Freude groß. Leider währte sie nicht lange, denn
Kläuschen ist viel anstrengender als die anderen beiden Kinder
damals in diesem Alter und verlangt viel Aufmerksamkeit. Zudem fängt
Kläuschen nun an zu krabbeln und nervt bzw. stört die anderen Kinder
beim Spielen – immer will er „dabei“ sein, mitspielen und möchte,
dass man sich um ihn kümmert. Die Mutter ist schon ganz verzweifelt,
denn die beiden älteren Kinder kommen jetzt schon zu kurz und
beklagen sich zudem über die Störungen von Kläuschen. So hatte sich
die Mutter das nicht vorgestellt – es war doch immer so harmonisch
und nie gab es Probleme bei den ersten beiden Kindern… und nun so
etwas!
Jedes Mal erklärt sie Kläuschen, dass er „das“ nicht darf, aber er
hört einfach nicht zu. Da die beiden anderen Kinder schließlich
zuerst da waren und nichts dafür können, will man sich nun von
Kläuschen trennen – er ist einfach nicht das „richtige“ Kind und
schließlich habe man schon alles versucht. Bei den anderen Kindern
gab es nie Probleme – als Eltern ist man erfahren und weiß, was zu
tun ist – und wenn dies bei Kläuschen nicht zum Erfolg führt, kann
es nur an Kläuschen selbst liegen. Die Eltern erzählen ihren
Freunden von ihrer Entscheidung, Kläuschen wieder abzugeben… und
sind entsetzt! Anstatt Mitleid und Zuspruch zu hören, wird ihnen
deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich als Eltern mehr Mühe
geben müssen; dass jedes Kind ein Individuum sei – mit Stärken und
Schwächen – und dass es schließlich ihre Aufgabe als Eltern sei,
diese schwierige Phase durchzustehen und sich ggf. Rat und
Unterstützung bei der Elternberatungsstelle zu holen. Dass dies eine
ganz „normale“ Phase sei, die jede Mutter früher oder später
durchstehen muss und das es noch viel schwierige Herausforderungen
geben werde, bis das Kind volljährig ist…
NIEMAND käme auf den Gedanken festzustellen, dass Kläuschen
„schuldig“ ist oder dass man als Eltern „alles“ getan hat, oder
doch?????
Als Hundehalter sind auch wir immer „Hunde-Eltern“ – nur wir können
Entscheidungen treffen und haben auch die Möglichkeiten,
Konsequenzen einzufordern. Wir stellen „Mensch & Tier“ ganz bewusst
NICHT auf eine Stufe, aber…. es hilft zu verstehen, dass ein Hund
genauso wie ein Kind auf unsere Hilfe angewiesen ist, um sich in
unserem Lebensumfeld einzufügen und dass wir alleine für Folgen und
Konsequenzen verantwortlich sind. Und wenn man diesen Leitgedanken
einmal verinnerlicht hat, dann weiß man: der Hund KANN niemals
schuld sein, denn es fehlt ihm an der dafür nötigen
„Schuldfähigkeit“.
Ich persönlich wünsche mir schon seit langem, dass betroffene
Hundehalter eine Möglichkeit für sich finden, „über den Tellerrand“
zu schauen… zu verstehen, dass „alles“ was aus ihrer Sicht für sie
selbst möglich wäre, eben nicht automatisch „alles“ ist, was getan
werden kann. Und dann erst zu entscheiden, ob es nicht doch mehr
Möglichkeiten gibt, „mehr“ zu tun…
Und ich wünsche mir mehr Engagement von „Unbeteiligten“… dass sie
durch ihren sicherlich gut gemeinten, aber wenig zielführenden
„Zuspruch“ NICHT den Eindruck stützen, die Abgabe eines Tieres ist
eine lapidare, jederzeit nachvollziehbare Angelegenheit ohne
Alternativen…
Denn auch diese Abgabefälle sind Realität, die alltägliche… so
geschehen gestern, alles an nur einem Nachmittag:
Da wird der Hund aus „zeitlichen“ Gründen abgegeben, weil man
„jetzt“ wieder Arbeit hat. Die Gespräche mit der Familie zeigen,
dass die Frau die letzten 3 Monate arbeitslos war und meinte, dies
sei ein geeigneter Zeitpunkt für die Adoption des Hundes… Weitsicht
– Fehlanzeige!
Ein Hund wird aus finanziellen Gründen abgegeben… wir erfahren in
einem Telefonat, dass er auch sofort „weg“ muss, dann nächste Woche
fahren sie in den Urlaub und können den Hund nicht mitnehmen. Geld
für den Urlaub – selbstverständlich.
Eine Frau ruft an – sie interessierte sich für eine
Labrador-Mix-Hündin. Im Gespräch erfahre ich, dass sie ihren 16
Monate alten Labrador-Rottweiler-Mix-Rüden, den sie vor 2 Monaten an
einer Bushaltestelle gekauft hat, gerne gegen diese Hündin
eintauschen möchte. Ihr Rüde mag ihre 4-jährige Tochter nicht,
bleibt immer noch nicht alleine und mobbt andere Hunde. Außerdem sei
sie wieder berufstätig und hat nicht viel Zeit für den Hund… der
Mangel an Verantwortungsbewusstsein VOR der Adoption eines Hundes –
HIER ist er!
Ein weiterer Notfall gestern Nachmittag: ein 4-jähriger
Jack-Russel-Rüde soll eingeschläfert werden – alle halbe Jahre
schnappt er nach den Kindern und der Schwiegermutter, und dass,
obwohl man selbst den Kleinkindern gezeigt hat, wie man einen Hund
per Alpha-Wurf „unterwirft“... Sie weigern sich, ihn in eine
Pflegestelle zu geben (die wir ihnen angeboten haben) – für sie
kommt nur das Einschläfern in Frage – schließlich haben sie Ahnung
von Hunden, immer schon welche gehabt – diesen Hund könne niemand
mehr „hinbiegen“… Eine engagierte Tierschützerin vor Ort macht den
Tierarzt ausfindig, der den Hund einschläfern soll – dort tauchen
die Besitzer erst gar nicht mehr auf… am Abend ist der Hund „weg“….
Ohne Zweifel gibt es aber auch „wirkliche“ Gründe für eine Abgabe….
während meiner Tätigkeit für die Kleine Arche Straelen lernte ich
Kimba kennen. Kimba, dessen Herrchen an Krebs erkrankte und bedingt
durch ununterbrochene Krankenhausaufenthalte nicht mehr für ihn
sorgen konnte. Am Tag der Abholung von Kimba bestand er darauf,
dabei zu sein und entließ sich selbst für einen Tag aus dem
Krankenhaus, um sich von Kimba zu verabschieden. Letzte Woche ist er
seiner schweren Krankheit erlegen… Wenn es einen unverschuldeten
Abgabegrund gibt… DAS ist er!
Bei der unermesslichen Vielzahl der auch weiterhin ansteigenden
Abgabementalität eint die große Mehrheit der Gründe allerdings
vorrangig nur eins: Mangelerscheinungen! Ein Mangel an
Verantwortungsbewusstsein, der bereits bei der Auswahl eines Hundes
beginnt und sich bei der vermeintlichen „Problembewältigung“
fortsetzt. Ein Mangel an Bereitschaft, den eigenen Lebensrythmus
zeitweise umzustellen, falls erforderlich. Ein Mangel an
Durchhaltevermögen, denn oftmals ist schnell nicht schnell genug.
Ein Mangel an Kompromissbereitschaft… denn der Traum vom
„Traumhund“ soll wahr werden und die Realität erweist sich als
störend.
Ein Grund, warum WIR uns ein Werturteil über so genannte
Abgabegründe erlauben, liegt darin begründet, dass wir sie
aufnehmen… diese „bissigen, ängstlichen, verhaltensgestörten,
kinderhassenden, angst-aggressiven“ Hunde ... Und stellen fest, dass
kaum ein Hund das ist, was man(n) oder Frau ihm nachsagte.
Da gibt es eine 3-jährige Berner Sennenhündin, Lucy (um nur ein
aktuelles Beispiel zu nennen), die sich nach den Einschätzungen
eines belgischen Tierheims so "traumatisiert und ängstlich" zeigte,
dass man keinerlei Vermittlungsmöglichkeit für sie sah und schon die
letzte Alternative in die engere Wahl gezogen wurde…
Nach einer Not-OP der Kleinen Arche Straelen und dem anschließenden
Umzug zu uns zeigte sie sich vom 1. Tag an offen, zutraulich,
menschenbezogen, verspielt und unternehmenslustig – wir haben viele
Videos „gedreht“, denn so richtig glauben wollte es uns niemand.
Alles, was diesen Hund verunsichert hatte, war das hektische, laute
Tierheimleben und eine ebensolche Körpersprache. „Korrigieren“
musste man als menschlicher Partner bei diesem Hund rein gar
nichts…. sie brauchte lediglich einen „Tapetenwechsel“ in ein
ruhigeres, einfühlsames Umfeld.
Ich hätte schon längst kapituliert – vor der Unkenntnis, der
Leichtfertigkeit, der Sorglosigkeit, der Unvernunft.. wenn es da
nicht die wahren, netten, sympathischen WIRKLICHEN Hundefreunde
gäbe! Diejenigen, die ohne WENN und ABER bereit sind, ihr neues
Familienmitglied in ihrem Leben zu begrüßen; die VOR der
Entscheidung „pro Hundeadoption“ im Kreise ihrer Familie gemeinsam
überlegt und abgewogen haben, ob, wann und vor allen Dingen WELCHER
Hund zu ihnen, ihrer Lebensführung passt. Dem Hund uneingeschränkt
Liebe, Geduld und Zeit widmen, bis er sich in seiner neuen Welt
eingefunden und eingelebt hat. Die mit Optimismus, Konsequenz und
Durchhaltevermögen kleine und auch größere Probleme meistern. Diesen
Hundeliebhabern gilt mein Respekt und meine Hoffnung, dass es von
dieser Spezies Mensch ausreichend Exemplare gibt, um das Elend der
Hunde in Not auch in den kommenden Monaten und Jahren ein wenig zu
mildern.
Daran glaube ich fest.