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Räuber, Border Collie

... taub, geb. geb. 01/2007

Räuber, ein GANZ besonderer Hund...

Mythos Border Collie oder doch ein Hund wie jeder andere? Weder noch, aber eines ist diese Rasse sicherlich: anspruchsvoll, in vielerlei Hinsicht. Ihre Intelligenz ist sprichwörtlich und damit auch ihr Anspruch auf mentale Auslastung. Intelligenz ist aber auch ein schmaler Grat zwischen Fluch und Segen, denn auch schlechte Angewohnheiten lernt ein BC genauso schnell wie gute... (Lesen Sie auch den Beitrag zum Thema "Quo vadis Border Collie" - sehr empfehlenswert!)

GRUNDSÄTZLICH ist ein Border Collie ein Arbeitshund, gezüchtet für einen ganz bestimmten Zweck und daher auch mit ganz speziellen Fähigkeiten und Instinkten ausgestattet. Ihre ursprüngliche Aufgabe, das Hüten von Vieh, verlangte ihnen viel ab - mental und auch körperlich - ein Hochleistungssportler auf 4 Pfoten. Nicht jeder Border Collie weiß um sein besonderes Erbe und fordert es heute zu 100 % von seinen  Haltern ein - manche sind extrem jagd- bzw. hütetriebig und benötigen zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten unbedingt die Arbeit am Vieh; andere lassen sich mit einer "Arbeit" in Form von Agility, Obedience, Dog Dancing oder Flyball ersatzweise zufrieden stellen.

Leider ist auch der Border Collie in den vergangenen Jahren (Fernsehsendungen und Kinofilme haben ihren Anteil daran...) zum "Trendhund" geworden und wird oftmals angeschafft, ohne dass seine spezifischen Bedürfnisse ausreichend bekannt sind. Das Ergebnis: ein mitunter schlechter Ruf, der ihnen voraus eilt und sie als "aggressiv" tituliert; ein Hund, der kleine Kinder jagt und in Hände und Füße schnappt; der die Katze hetzt ebenso wie Autos, Jogger und Fahrradfahrer. EIN HUND, ein BORDER COLLIE somit, der seinen Hütetrieb auslebt und eigentlich nur das tut, was ihm sein unerschütterlicher Instinkt diktiert... Hüten bedeutet: jagen und kontrollieren - und genau das tut ein Border Collie, wenn er seinen Instinkten, ohne Lenkung durch einen verantwortungsvollen Halter, frönen darf.

Räuber ist ein trauriges Paradebeispiel dafür, was alles schief laufen kann, wenn man sich VOR Anschaffung eines Border Collies nicht darüber im klaren ist, was er braucht und was man selbst bereit ist, ihm zur Befriedigung seiner Instinkte bieten zu können. Er ist ein ganz "normaler" Border Collie durch und durch... und leider rauschten die ersten Monate seines Lebens viel zu schnell an ihm vorbei - keine Zeit, ihn langsam und schrittweise mit Umweltreizen vertraut zu machen, ohne ihn zu überfordern und das sprichwörtliche Fürchten zu lehren...

Räuber ist...

- ein unsicherer Hund, der unbedingt eine Bezugsperson an seiner Seite benötigt, die ihm Sicherheit vermittelt...  und jederzeit gewährt;

- ein aktiver und begeisterungsfähiger Hund, der ein ausgewogenes Maß an körperlicher und geistiger Auslastung benötigt, um seinen Jagdtrieb zu kontrollieren;

- ein selbstbewusster, offener, zutraulicher und verschmuster Hund, wenn er sich sicher fühlt - mit einwandfreiem Charakter und Verhalten gegenüber seiner "Familie" - Zwei- wie Vierbeinern.

Da Räuber noch ein sehr junger Hund ist, stehen ihm und seiner zukünftigen Familie alle Türen offen, ihn auf dem Weg zu einem souveränen Vertreter seiner Rasse zu begleiten und zu unterstützen. Ein anspruchsvoller Weg in punkto Toleranz aber auch entschlossener Konsequenz, Geduld, artgerechte Beschäftigung, Erziehung... aber ein lohnenswerter!

 

Räubers bisheriger Lebenslauf...

Dieser junge, taube, blue-merle Rüde hat in seinem jungen Leben schon einige Zwischenstationen hinter sich gebracht. Sein Geburtsort ist unbekannt, ebenso seine Abstammung. Räuber wurde als Welpe an einen stadtbekannten "Hunde-Wiederverkäufer" veräußert und kurz darauf das erste Mal weiter verkauft - er wurde sehr schnell wieder zurückgebracht; ob dies nun an dem Umstand lag, dass er taub war (bzw. die Halter dies erst zu diesem Zeitpunkt bemerkten) oder seine Menschen mit ihm/seiner Rasse überfordert waren... wir wissen es nicht.

Im Alter von ca. 4 Monaten wurde er von einer hundeerfahrenen Familie adoptiert (ohne spezifische Rassekenntnisse), aber mit dem Willen und den Möglichkeiten, Räuber grundsätzlich gerecht zu werden. Neben viel Zuwendung und Aufmerksamkeiten wurde leider hier auch der Grundstein für seine "Spielzeugmanie" gelegt - es dauerte nicht lange und Räuber mutierte zum "Ball-Junkie". Im Haus wurde der Ball zu seinem Lebenselixier; auf den Spaziergängen beschrieben seine Halter das Verhalten von Räuber als "unauffällig"... ohne Leine konnte er nicht laufen (Grundgehorsam war nicht vorhanden), mit Leine zog und zerrte er mit voller Kraft, egal, wie lange der Spaziergang dauerte. Dies war dann auch der Abgabegrund seiner Halter, die ihm aus gesundheitlichen Gründen rein "körperlich" nicht mehr gerecht werden konnten.

Trotz seines bis zu diesem Zeitpunkt 3. Halterwechsels besitzt Räuber ein einwandfreies Wesen; er ist zurückhaltend Neuem und Fremden gegenüber, fasst aber schnell Vertrauen. Er besitzt ein gutes Sozialverhalten gegenüber Artgenossen; er kennt Kinder und zeigte sich bei der Übergabe in Situationen mit der 18 Monate alten Enkelin der Halter sehr sanft und vorsichtig und bedrängte das Kind in keinster Weise.

Nach dem Einzug in unsere Pflegestelle war schnell deutlich, dass Räubers unabhängigem Streben nach Entertainment Einhalt geboten werden und er zunächst einmal lernen muss, sich an seinen Menschen orientieren zu dürfen. Im Haus zeigte sich Räuber bereits am 2. Tag ruhiger und entspannter und nutzte viele kleinere "Auszeiten" um ausgiebig zu ruhen und zu schlafen. Jeder Spaziergang war jedoch eine "kraftvolle" Herausforderung - in dieser für ihn reizüberfluteten Umgebung (dazu zählten selbst ruhige Waldwege) war er selten ansprechbar. Erst nach einer Weile und in Abwesenheit der "üblichen" Umweltreize sank sein Stresslevel sukzessive und er zeigte wieder eine, wenn auch sehr geringe, Bereitschaft, mit seinen Menschen zu kooperieren und kommunizieren.

Wir hatten das Glück, bereits nach kurzer Zeit eine - wie wir fanden - Anfrage einer geeigneten Interessentin für Räuber zu erhalten. Mehrere Telefonate, die Vorkontrolle und auch der persönliche Schnuppertermin verliefen positiv - die Interessentin selbst unterrichtet Hunde im Hundesport und arbeitet mit einer Hundepsychologin zusammen, war erfahren im Umgang mit so genannten "Problemhunden". Alles schien perfekt. In den wenigen Tagen, in denen Räuber in seiner neuen Familie lebte, wurde - einerseits verständlich - viel mit Räuber unternommen; wurde er in vielen Situationen "getestet" bzw. konfrontiert. Andererseits war der Familie bekannt, dass sich Räuber ab einer gewissen Reizüberflutung sehr schnell aufpusht und ein Arbeiten bzw. eine Einflussnahme auf ihn in solchen Fällen nicht möglich ist. Dennoch wurden aus unserer Sicht zu viele Dinge zu schnell und zu früh von Räuber erwartet (ohne ihn in diesen Konfrontationssituationen entsprechend zu "begleiten"...) und die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten: im Zustand völligen Triebstaus und damit einhergehender Frustration biss Räuber einfach nur in alles, was in seiner Nähe stand: Fahrradreifen, Beine, Arme, Hände... Er zeigte zudem ein übersteigertes Interesse am Nachstellen von Fahrrädern und Autos, teilweise begleitet von lautstarkem Bellen und Jaulen.

Ab diesem Zeitpunkt zeigte er auch im Haus Auffälligkeiten gegenüber den  Kindern (8 und 10 Jahre), "hütete" und "bejagte" sie, wenn sein Stresslevel zu hoch war und es für eine Einschränkung gekoppelt mit dem Aufzeigen eines gewünschten Alternativverhaltens bereits zu spät war. All dies führte schließlich dazu, dass seine Halterin in nach wenigen Tagen wieder zu uns zurückbrachte.

Räubers Pflegetagebuch...